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Also sprach Golem

Der GOLEM XIV ist der vielversprechendste Supercomputer, der je gebaut wurde. Die Menschen setzen alle Hoffnungen darauf, durch ihn mehr über sich selbst und ihre Zukunft zu erfahren. Doch GOLEMS Aussagen über die Menschheit sind mehr als unbequem. Ist die künstliche Intelligenz überhaupt interessiert an der Spezies, die sie konstruiert hat? Und haben wir einen gemeinsamen Weg?

Die Künstlergruppe Kommando Himmelfahrt und der Komponist Kaj Duncan David rekonstruieren im Rahmen des Ultraschall Festivals Berlin den übermächtigen Computer. Sie lassen dafür das zeitgenössische Musik und Performance-Ensemble SCENATET aus Dänemark und den schottischen Ausnahmeschauspieler Graham F. Valentine in einem elektronisch-audiovisuellen Aufbau aufeinander treffen. Gemeinsam laden sie zu einer Vorlesung über den Menschen und zur Begegnung mit einer höheren Intelligenz.

Uraufführung Sa, 18. Januar 2020, Ultraschall Festival des Deutschlandfunks, Radialsystem IV, Berlin

Komposition, Konzeption und Musikalische Leitung: Kaj Duncan David 
Buch, Konzeption und Inszenierung: Thomas Fiedler 
Medienkunst: Carl-John Hoffmann 
Bühne und Kostüm: Eylien König
Klangregie: Arne Vierck
Dramaturgische Mitarbeit: Ilka Seifert
Dramaturgie und Produktionsleitung: Julia Warnemünde 
Produktionsassistenz: Kasia Noga
Assistenz Bühnenaufbau: Sean Keller
Pressearbeit: Sarah Rosenau 

MIT: Graham F. Valentine

SCENATET Kopenhagen:
My Hellgreen (Cello)
Sven M. Slot (Keyboard)
Matias Seibæk (MIDI Percussion, Percussion)
Katerina Anagnostidou (Snare drum, MIDI controller)

Eine Produktion von
KOMMANDO HIMMELFAHRT und
Kaj Duncan David in Zusammenarbeit mit Ultraschall Berlin, Klangfestival Kopenhagen und Scenatet.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und den Statens Kunstfond, Dänemark.

Presse
19/01/2020, Klassik Info, Bernd Feuchtner
Die Alge ist perfekter als der Mensch

Stanislaw Lem war ein kluger Mann. Schon vor 50 Jahren stellte er die Fragen, die uns heute bewegen. Aber die Menschheit hat damals so wenig darauf geantwortet wie auf den Bericht des Club of Rome. Deshalb kann das Berliner Festival Ultraschall sein Publikum mit der Produktion „Also sprach Golem“ wirklich überraschen: Gebannt lauscht es dem Vortrag des Supercomputers Golem XIV über den Menschen. Die Truppe „Kommando Himmelfahrt“ hat daraus einen überaus spannenden Theaterabend gemacht. Obwohl dort oben auf der Bühne nicht mehr als eine Leinwand, ein Rednerpult und ein Stuhl stehen.

Der unvergleichliche Graham F. Valentine tritt zuerst aufs Podium und stellt sich als der wissenschaftliche Betreuer des Superhirns vor. Mit wallender Rotmähne und dem Charme eines britischen Professors erläutert er uns, was wir uns unter seinem Pflegling vorzustellen haben. Der Großcomputer Golem XIV wird zu uns sprechen und sein Thema wird sein: der Mensch – weil das ja nun mal uns alle betrifft. Langsam entwickelt sich aus dem bedächtigen Vortrag des Professors und einem kurzen Statement Golems, das nach Art der ersten PCs (die Lem noch gar nicht kannte) etwas vorsintflutlich daherkommt, eine sich auf allen Ebenen immer breiter entfaltende Darlegung der menschlichen Misere – der ganze Abend ein einziges Crescendo. Das betrifft auch die Stimmkunst Valentines, denn Golems Stimme ist natürlich seine elektronisch veränderte Stimme, und später wird er noch mehr von deren Wandelbarkeit zeigen.

Allmählich übernimmt Golem, und der Professor überlässt ihm gerne das Podium. Regisseur Thomas Fiedler vom „Kommando Himmelfahrt“ hat die von Lem in seinem gleichnamigen Roman von 1973 entworfenen Golem-Vorträge klug gestrichen und um sie herum ein eindringliches, zunehmend auch bedrohliches Szenario entworfen. Denn so ein Superhirn ist ja frei von Gefühlen und analysiert eiskalt. Der Sinn des Lebens? Die Weitergabe des genetischen Codes. Die Evolution? Erhöht die Fehlerquote beim Kopieren des Codes. Die vermeintliche Höherentwicklung des Menschen? Ein Irrtum. Eine Alge kopiert richtig, sie lebt ewig – das vermeintlich Niedrigere ist perfekter als der Mensch. Sagt Golem. Und Professor Valentine kann ganz gut damit leben. Denn die Serie Golem ist gescheitert und nun ein Museum der Gedanken, die die Menschen in das Superhirn hineinprojiziert haben.

Auch mit seiner Leinwand-Präsentation wird Golem immer großzügiger. Aus symbolischen Figuren wie Adler, Hand, Kopf werden phantastische, raumgreifende geometrische Konstrukte – Medienkünstler Carl-John Hoffmann hat nicht mit visionären Abwicklungen in 3D gegeizt, die das Publikum zum Staunen bringen. Parallel entfaltet sich auch die elektronische Musik von Kaj Duncan David in neue Dimensionen. Aus simplen Computerklängen werden musikalische Ensembles, erst Schlagzeug, auch über MIDI (Matias Seibæk), Snaredrum und MIDI Controller (Katerina Anagnostidou), Sven M. Slot an Keyboards und schließlich auch die rasante Cellistin My Hellgren. Davids Musik stellt Fragen. Mehr bleibt uns nicht, denn Golem XIV hat am Ende die Kommunikation mit den Menschen eingestellt. Sie erschien ihm wohl sinnlos. Da hat dann die Musik das Wort. Sie spielt die Ratlosigkeit vehement aus: Die vier Musiker hinter der Leinwand werden sichtbar, sie legen sich ins Zeug und Graham F. Valentine steuert eine brillante Vokalkunstperformance dazu bei. Nach diesem furiosen Ausklang bricht starker Beifall aus: den Vorhang zu und alle Fragen offen.